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Shock Therapy
Nummer
19
Jahr
1990
Datum
----.--.--
Written By
Dirk Hoffmann

 

Shock Therapy
Die Geschichte von Shock Therapy ist die Lebensgeschichte von Gregory John McCormick, Sänger, Kopf und Gründer der Band. Er spricht nicht gern über seine Vergangenheit, die von Selbstmordversuchen, Drogen- und Alkoholmissbrauch geprägt war, aber in einem früheren Interview erzälte er, dass ein entscheidender Grund für seine Depressionen in seiner Beziehung zum Vater lag ...
... der ihn lange in dem Glauben liess, Gregory wäre geistig zurückgeblieben, nur weil er lieber mit seinen Freunden spielen, als zur Schule gehen wollte.
Ich ging durch einen grossen Teil meines Lebens im Glauben, ich sei dumm und ich müsse in die Schule gehen, weil ich geistesschwach sei. Erst viel später, nach dem langen Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik und der harten Psychotherapie begann ich zu verstehen, warum ich so anders bin; nicht weil ich dümmer bin, sondern weil ich inteligenter bin. Es hat Jahre gedauert, bis ich das begriffen hatte. Und das alles wegen des einen Satzes, den mein Vater, wegen meiner angeblichen Geisteskrankheit, damals zu mir gesagt hat.Ich liebe meinen Vater sehr, aber ich werde ihm nie verzeihen, dass er das zu mir gesagt hat, denn das hat mich umgebracht.

So schlimm kann es doch nicht gewesen sein, denn an einem windigen Hamburger Nachmittag sitzt mir das kleine Energiebündel, das sich nach seinem Vorbild Iggy Pop Itchy nennt, bei Bier und frischer Luft ("Ich kann rauchen nicht ausstehen!") gegenüber, zieht Grimassen, lacht laut und ansteckend, gestikuliert wild und ausdrucksvoll, so dass man sich lebhaft vorstellen kann, dass dieser Mensch mehr auf der Bühne anstellt, als nur brav seine Lieder zu singen.

Detroit ist nicht ist nicht nur die Heimat von Itchy, sondern auch die von seinem Vorbild Iggy Pop und den Stooges. Vom Punk und seinen Ideen beeinflusst, sowie nach diversen Gastspielen bei Detroiter Undergroundbands, entschlossen sich Itchy (Gesang, Synthesizer, Rhythmus-Gitarre) und Eric Jackson (Gitarre, Hintergrundgesang), 1984 Shock Therapy ins Leben zu rufen und ein Jahr später das Debüt-Album Shock Therapy einzuspielen. Der ausgewählte Bandname mag auf Parallelen zu Itchys Vergangenheit in der Psychiatrie hinweisen, doch der Hintergrund zur Namenswahl liegt etwas anders:
Was ich mit der Idee von Shock Therapy erreichen wollte, war, die Leute zu schocken, und zwar in ihrem Geist, um sie aus ihrem Loch, ihren Depressionen herauszuholen. Das ist eine Sache, die ich, wie ich glaube, ganz gut mit meinen Texten angehen kann ...

Die Bedeutung der Punk-Bewegung, die Iggy Pop nachhaltig beeinflusste, drückte einen ähnlichen Gedanken aus, indem sie auf die sozialen Misstände mit entsprechenden musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten aufmerksam machte, doch war der Einfluss der Stooges auf Shock Therapy nicht so gross wie man erwarten könnte.
Ich kann nicht sagen, dass die Stooges uns sehr beeinflusst haben, weil ich nicht glaube, dass wir so wie sie klingen. Aber ich denke, was die Stooges gemacht haben, war grossartig. Sie haben nicht als Musiker angefangen, sie wollten nicht mal Musik machen, sondern nur Geräusche, wie die Einstürzenden Neubauten. Es stand die gleiche Idee dahinter, sie benutzten Metallteile und Iggy war der Drummer. Er hatte auch das Mikrophon, aber vor allem machte er einen Höllenlärm. Diese Idee fand ich einfach toll. Es schien mir besser, als nur Songs zu singen.

Mit dem, auf dem renomierten Fundamental-Label veröffentlichten Debütalbum etablierte sich die junge Band auf nahezu allen Playlists der Collage Radio Stations, den einzigen Independant-Bastionen der amerikanischen Wellenreiter. Dementsprechend gut gefüllt waren dann auch die Konzertsäle auf ihrer ersten Tour, die Shock Therapy den Beinamen Die Band, die man nie vergisst eintrug und wurde von dem Stadtbekannten Journalisten der Detroit Metro Times Kevin Knapp als zutiefst stimulierende, psychologisch schädlichste Erfahrung, die ich je gemacht habe, neben meinen vereinzelten Alpträumen bezeichnet. Itchys Bühnenpräsenz lässt sich kaum in Worte kleiden, oft erschien er unkontrolliert und unberechenbar. Bedeutet es ihm eine Art Ventil?
Ja, es gibt mir die Möglichkeit, den ganzen Mist aus meiner Seele, aus meinem Kopf heraus zulasssen. Was anderes kann Musik nicht tun. Ich verdiene kein Geld damit. Es gibt nur Ärger. Da ist die Freundin, ich bin nie zuhause, das Touren, die ganze Scheisse, durch die ich muss.Es ist verrückt. Also muss es mir etwas bedeuten. Manchmal kann ich mich auf der Bühne sehen, und ich lasse alles aus mir heraus, ein andermal weiss ich gar nichts davon. Da komme ich spät in der Nacht von der Bühne und frage mich, was zum Teufel hast du da gemacht?.

1986 erschien die zweite LP My Unshakeable Belief, auf die eine zweite Tour folgte, erstmals auch in die BRD. Itchy, Bill McNeil (Bass, Hintergrundgesang), Richard Newman (Gitarre) und Bill Shepherd (Schlagzeug) spielten nach drei Jahren ohne Vinylveröffentlichung auch das Album Touch Me And Die ein, das von einer weiteren Europa-Tournee begleitet wurde. Doch spielte auf dieser Tour schon die völlig neue Band, die auch beim neuen Album Cancer mitgewirkt hat. Da wären neben Itchy noch Dustin Aller (Bass), Tom Buckley (Synthesizer), Phillip Adenacker (Schlagzeug), der auf der Tour nicht mehr dabei sein wird,und Dirk Schwarzhoff (Gitarre). Es gibt viele Gründe, warum sich das Line-Up so oft ändert.
Oft ist es wegen Drogen, so wie bei Keith. Er war ein dreckiger Junkie. Du weisst, Phillip, der Drummer, ist nicht mehr in der Band. Bei ihm waren es keine Drogen, er bekam einen Herzanfall. Ich denke es war der Stress, der Drummer von Shock Therapy zu sein. Mit der Band mit der ich jetzt zusammen bin, werde ich auch weitermachen, vorausgesetzt, die Jungs bleiben. Denn viele Leute sind ausgestiegen, weil sie mich nicht ausstehen konnten. Es muss nämlich nach meiner Art und Weise ablaufen. Ich bin ein besserer Musiker als jeder, den ich kenne. Ich spiele alle Instrumente, und wenn ein neuer Musiker in die Band kommt, zeige ich ihm wie, er welchen Part zu spielen hat. Ich fühle mich manchmal wie ein Babysitter, und ich denke, ich habe das Recht, jemanden rauszuschmeissen, wenn er den Job nicht machen will. Aber die jetzige Band ist sehr gut. Sie versteht mich, und akzeptiert ihren Part. Es ist meine Musik, ich schreibe sie, also soll sie auch so gespielt werden, wie ich mir das vorstelle. Die Band mit Phillip, die das Cancer-Album eingespielt hat, hat mich dabei gut unterstützt. Ich liess ihr ein wenig Freiraum, und ich denke, das Album ist verdammt gut geworden.

Dem kann man nur zustimmen. Itchy hat sich als einer der ganz wenigen zum Begriff Electronic Body Music (EBM) bekannt. Mit seiner Musik möchte er die Leute zum Tanzen, Fühlen und Denken anregen. Doch bin ich skeptisch, dass diese Komponenten miteinander zu vereinbaren sind.
Es ist wie Kaugummikauen beim Gehen. Kannst Du das ? Ja ? Die meissten Leute können es nicht. Ich möchte wissen, warum die Menschen so stupide sind. Es gibt soviele Idioten auf dieser Welt. Mit Shock Therapy versuche ich, die Leute dazu zu animieren, ihren Verstand zu benutzen, mit sich etwas anzufangen. Viele von Ihnen sitzen einfach nur bis spät in die Nacht in der Bar oder vor dem Fernseher.

Da Itchy mit seiner Musik wohl kaum diese Gruppe von Menschen ansprechen wird, dürfte sein Anliegen auf diejenigen beschränkt sein, die seine Platten hören. Was immerhin ein Anfang ist. Für ihn bedeutet dieses Verhalten eine Art mentalen Krebs (engl.: cancer), den er mit seiner Musik, aber auch mit seinen Texten auszurotten versucht. Itchy ringt nach Worten, als er den Titel des Albums zu erklären versucht.
Oh, Scheisse! Du kennst die normale Krankheit Krebs. Das ist es nicht. Ich meine den Krebs tief im innern, in philosophischer, geistiger Weise. Da kann er viel verändern, jemanden mental lahmlegen, aber er kann auch gutmütig sein und den Geist befreien. Es ist wie mit den Drogen. Es ist wichtig, dass ich davon losgekommen bin. Ich mache jetzt viel für mich selbst, trainiere hart. Ich denke die Lyrics zu Cancer erklären das viel besser.

Einen dieser Texte, und zwar den zu Genius In The Crowd, schrieb Charles Bukowski, ein Kuriosum, das vor allem Itchys Verehrung für den grossen amerikanischen Schriftsteller dokumentiert.
Ich habe ihn angerufen, weil ich seine Poesie mag.Und ich habe ihm gesagt, dass er in Deutschland sehr bekannt sei. Er drückt viel von dem aus, was ich fühle, was ich aber nicht so artikulieren kann wie er. Auf diese weise wollte ich ihm danken. Vieles ist sehr ernst in meinem Leben, und wenn ich Bukowski lese,muss ich einfach lachen. Er mag zwar nicht die Musik, aber die Interpretation, die dahintersteckt.

Mittlerweile hat Itchy seine Drogen und Alkoholprobleme gänzlich überwunden, trinkt ab und zu ein Bier, hällt sich mit Karate fit und studiert Computerwissenschaften, Deutsch und Religionsgeschichte.
Es ist das Gleichgewicht, das mich bewog, so eine Kombination von Fächern zu wählen. Computerwissenschaften sprechen das Materielle, die Intelligenz an. Ich mag Computer. Sie regen dich an, eine Menge nachzudenken. Das tut auch die Religion, nur von einer anderen Seite her. Religion ist eine Philosophie, du gebrauchst deinen Glauben. Deutsch ist einfach eine Sprache. Ich habe eben mehr deutsche Freunde als zum Beispiel japanische und russische.

Zu seinen deutschen Freunden zählen bestimmt auch einige Fans, die Shock Therapy zur Cancer-Tour begleiten werden. Zum Abschluss des Interviews holt er einen Shock-Therapy-Button aus seiner Jackentasche.
Willst Du einen Button ? Oh, ich liebe meine Buttons.

Zur solidarischen Teilnahme an der Zillo-Festival-Tour im Dezember (ohne Gage, nur Spesen) erklärt er sich spontan bereit, obwohl bis dato keine Story über Shock Therapy im Zillo stand. Diesem sei hiermit abgeholfen!
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